Kommerzialisierung vor der Industrialisierung
Jean-Baptiste Bonnard (1654-1726)
© gallica.bnf.fr (Bibliothèque nationale de France)
Die Ausruferin für kleine Käse
„Ich verkaufe Milch, Käse, Sahne, an die schönen Mädchen von Paris; um ihre Liebsten zu verwöhnen, die ihrerseits dasselbe tun.”
Die regionalen Differenzierungsprozesse der ländlichen Wirtschaft, die im gesamten vormodernen Europa zu beobachten waren, werden als Kommerzialisierung interpretiert, die der Industrialisierung um einiges vorausging. Dabei wird zwischen einem älteren »kontinentalen« und einem jüngeren »atlantischen« Muster der Kommerzialisierung unterschieden. Das ältere Muster begann mit der Urbanisierung des Mittelalters und basierte in erster Linie auf dem europäischen Binnenhandel, während das jüngere Muster mit der Integration in die entstehende Weltwirtschaft verbunden ist. Dieser Artikel verwendet zwei zentrale Konzepte zur Interpretation der wirtschaftlichen Entwicklung Europas zwischen dem Mittelalter und dem Industriezeitalter: »Protoindustrialisierung« und »industrious revolution« (Jan de Vries). Die beiden Konzepte werden zu den wirtschaftlichen Aktivitäten der Bevölkerung in Beziehung gesetzt: Welchen Beitrag haben die »einfachen« Bewohner ländlicher Regionen dazu geleistet, dass Märkte im Verlauf der Frühen Neuzeit eine immer wichtigere Rolle im Wirtschaftsleben gespielt haben?