Stefan Brakensiek

Geschichte der Frühen Neuzeit

Vom Wissen und vom Umgang mit dem Ungewissen

Almanach de Bonne Fortune pour & par la Loterie Electorale Paltine en L‘Année 1770, Mannheim 1770 (Frontispiz)

© Universitätsbibliothek Heidelberg, 
https://doi.org/10.11588/diglit.22547#0006

Was die Zukunft bringen wird, ist stets ungewiss. Dennoch entwickeln Menschen unterschiedliche aktive Umgangsweisen mit dem Zukünftigen. Sie versuchen Gefahren zu erkennen, Vorsorge zu treffen und Chancen auszuloten. Sie entwickeln dabei ein notwendig prekäres Wissen über das Ungewisse. Dieses Wissen über und die Umgangsweisen mit Kontingenz sind keine Konstanten, sondern unterliegen historischem Wandel.

Für die Frühe Neuzeit wird häufig unterstellt, dass der Umgang mit dem Ungewissen vor allem im Medium der Religion erfolgte oder dass dabei Magie eine große Rolle gespielt habe. Im Umkehrschluss wird angenommen, dass der kalkulierende Umgang mit Kontingenz eine Signatur der Moderne sei. Die Dissertationen der Kollegiatinnen und Kollegiaten im Essener Graduiertenkolleg »Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage. Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln« haben gezeigt, dass dies unzulängliche Vereinfachungen sind. Ein kalkulierender Umgang mit Risiken war vor wie nach 1800 üblich, wobei Erfahrungswissen tendenziell an Bedeutung verlor, Expertenwissen dagegen zunahm.

Meine Forschungen zur Geschichte von Lotterien fügen sich in dieses Bild voller Widersprüche und Ambivalenzen: Die nahezu flächendeckende Verbreitung von Lotterien im 18. Jahrhundert kann als ein Indiz dafür gelten, dass dem säkularen Glück als allgemeiner gesellschaftlicher Maxime europaweit Geltung verschafft wurde. Zu diesem Siegeszug trug der Bedarf der Fürstenstaaten nach neuen, steigerungsfähigen Einnahmen bei. Dabei setzten sich die Obrigkeiten souverän über das kirchliche Glücksspielverbot hinweg.

Der kalkulierende Umgang mit dem Zufall liegt jedem Lottounternehmen zugrunde. Wer Lotterien veranstaltete, bemühte sich nach Kräften, die Ungewissheit über deren wirtschaftlichen Erfolg planend zu minimieren. Dennoch ignorierte man lange die innovativen Einsichten der mathematischen Wahrscheinlichkeitsrechnung und verließ sich lieber auf das erprobte Erfahrungswissen italienischer Lotteriebetreiber.

Bemerkenswerterweise verstummte um 1700 die Kritik der Geistlichen am gotteslästerlichen Treiben von Lotterien und Spielern weitgehend, um Mitte des 18. Jahrhunderts in säkularisierter Form von aufgeklärten Zeitgenossen wieder aufgenommen zu werden: Lottospieler galten ihnen als spielsüchtige, aller nützlichen Tätigkeit entwöhnte, von Verelendung bedrohte Individuen, die zu aberwitzigen Vorhersagepraktiken neigten und durch diesen Aberglauben völlig verblendet seien. Lottoveranstalter wurden als »Blutsauger« dämonisiert und Obrigkeiten, die das Spiel duldeten, an den Pranger gestellt. Im Falle Frankreichs trug die »Loterie Royale« im Lauf des 18. Jahrhunderts mit dazu bei, die Glaubwürdigkeit der Monarchie zu untergraben, was man an den anderen europäischen Höfen aufmerksam verfolgte, und was dazu beitrug, dass in der Folge zahlreiche Lotterien eingestellt wurden.

Veröffentlichungen

Aufsätze

Projektemacher. Zum Hintergrund ökonomischen Scheiterns in der Frühen Neuzeit, in: Fiasko – Scheitern in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur Kulturgeschichte des Misserfolgs, hrsg. v. Stefan Brakensiek und Claudia Claridge, Bielefeld 2015, S. 39-58.

Zusammenfassung lesen

Ermöglichen und Verhindern. Vom Umgang mit Kontingenz: Zur Einleitung, in: Ermöglichen und Verhindern. Vom Umgang mit Kontingenz, hrsg. v. Markus Bernhardt, Stefan Brakensiek und Benjamin Scheller (Kontingenzgeschichten 2), Frankfurt am Main 2016, S. 9-20.

Wagnisse: Zur Einleitung, in: Wagnisse. Risiken eingehen, Risiken analysieren, von Risiken erzählen, hrsg. v. Stefan Brakensiek, Christoph Marx und Benjamin Scheller (Kontingenzgeschichten 3), Frankfurt am Main 2017, S. 7-17.

Unsicherer Ausgang? Die Geschäftsmodelle von Lotterieunternehmen im 18. Jahrhundert, in: Möglichkeitshorizonte. Zur Pluralität von Zukunftserwartungen und Handlungsoptionen in der Geschichte, hrsg. v. Markus Bernhardt, Wolfgang Blösel, Stefan Brakensiek und Benjamin Scheller (Kontingenzgeschichten 4), Frankfurt am Main 2018, S. 193-221.

Zusammenfassung lesen

Herausgeberschaft

Fiasko – Scheitern in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur Kulturgeschichte des Misserfolgs, hrsg. v. Stefan Brakensiek und Claudia Claridge, Bielefeld 2015.

Ermöglichen und Verhindern. Vom Umgang mit Kontingenz, hrsg. v. Markus Bernhardt, Stefan Brakensiek und Benjamin Scheller (Kontingenzgeschichten 2), Frankfurt am Main 2016.

Wagnisse: Risiken eingehen, Risiken analysieren, von Risiken erzählen, hrsg. v. Stefan Brakensiek, Christoph Marx und Benjamin Scheller (Kontingenzgeschichten 3), Frankfurt am Main 2017.

Möglichkeitshorizonte. Zur Pluralität von Zukunftserwartungen und Handlungsoptionen in der Geschichte, hrsg. v. Markus Bernhardt, Wolfgang Blösel, Stefan Brakensiek und Benjamin Scheller (Kontingenzgeschichten 4), Frankfurt am Main 2018.