Praxis frühneuzeitlicher Justiz und Verwaltung
„Ökonomischer Staat“ des Landgrafen Wilhelm IV. von Hessen-Kassel (zwischen 1570 und 1588)
© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Bestand S, Nr. 1 I, hier Bl. 75r
Vor Gericht und in der Staatsverwaltung wurden schriftliche Normen im Verlauf der Frühen Neuzeit immer wichtiger. Dennoch blieben in der Behördenpraxis die Loyalitäten der Amtsträger von großer Bedeutung. Ihre Entscheidungen trafen sie meist »unter Ansehen der Person«, denn soziale Beziehungen zu Patronen, Verwandten, Freunden oder Landsleuten konnte man nach zeitgenössischem Verständnis nicht einfach außer Acht lassen. Das Wachstum der Staatsgewalt erfolgte nicht allein durch den Ausbau von Bürokratien, sondern auch im Kontext sozialer Institutionen, die eingebettet waren in eine umfassende Kultur ständischer Ehre. Es erschien mir deshalb geboten, die Amtsträger des frühmodernen Fürstenstaates in ihren professionellen und ihren »außerdienstlichen« Bezügen zu untersuchen. Neben ihrer akademischen Ausbildung, ihren Veröffentlichungen und ihren Karrierewegen waren auch ihre sozialen Bindungen als Klienten, Familienangehörige, Nachbarn und Freunde von Belang, um ihr Amtshandeln zu erklären.
Veröffentlichungen
Monographie
Fürstendiener – Staatsbeamte – Bürger. Amtsführung und Lebenswelt der Ortsbeamten in niederhessischen Kleinstädten, Göttingen 1999 (Bürgertum 12).
Aufsätze
Lokalbehörden und örtliche Amtsträger im Spätabsolutismus. Die Landgrafschaft Hessen-Kassel 1750-1806, in: Kultur und Staat in der Provinz. Perspektiven und Erträge der Regionalgeschichte, hrsg. v. Stefan Brakensiek, Axel Flügel, Werner Freitag und Robert von Friedeburg, Bielefeld 1992, S. 129-164.
gemeinsam mit Christine Aumüller: Hessische Räte und pikardische Magistrate im 18. Jahrhundert. Zwei sozialgeschichtliche Studien im Vergleich, in: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte 22/2 (1995), S. 1-15.
Adlige und bürgerliche Amtsträger in Staat und Gesellschaft. Das Beispiel Hessen-Kassel 1750 – 1866, in: Wege zur Geschichte des Bürgertums, hrsg. v. Klaus Tenfelde und Hans-Ulrich Wehler, Göttingen 1994, S. 15-35.
Die Herausbildung des Beamtenrechts in Hessen-Kassel bis zum Staatsdienstgesetz von 1831, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 48 (1998), S.105-146.
Das Amtshaus an der Schwelle zur Moderne, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 48/2 (2000), S. 119-145.
Richter und Beamte an den Unterbehörden in Hessen-Kassel. Möglichkeiten und Grenzen einer Kollektivbiographie, in: Biographieforschung und Stadtgeschichte, hrsg. v. Gisela Wilbertz und Jürgen Scheffler, Bielefeld 2000, S. 44-69.
Die Staatsdiener. Das Beispiel der gelehrten Räte an der Regierung Kassel, in: Kassel im 18. Jahrhundert. Residenz und Stadt, hrsg. v. Heide Wunder u.a., Kassel 2000, S. 350-374.
Juristen in frühneuzeitlichen Territorialstaaten. Familiale Strategien sozialen Aufstiegs und Statuserhalts, in: Sozialer Aufstieg. Funktionseliten im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit, hrsg. v. Günther Schulz (Deutsche Führungsschichten in der Neuzeit 25), München 2002, S. 269-289.
Local office-holders in the Landgraviate of Hesse-Kassel, 1750-1830. The significance of social networks for their careers and daily life, in: Mélanges de l’école française de Rome 116/2 (2004), S. 577-591.
Die Männlichkeit der Beamten – Überlegungen zur Geschlechtergeschichte des Staates im Ancien Régime und an der Schwelle zur Moderne, in: Lesarten der Geschichte. Ländliche Ordnungen und Geschlechterverhältnisse. Festschrift für Heide Wunder zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Jens Flemming u.a., Kassel 2004, S. 137-150.
Amtsträgerschaft und landgräfliches Regiment – Versuch einer Figurationsanalyse, in: Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen und seine Residenz Kassel, hrsg. v. Heide Wunder, Christina Vanja und Berthold Hinz, Marburg 2004, S. 137-150.
Neuere Forschungen zur Geschichte der Verwaltung und ihres Personals in den deutschen Staaten 1648-1848, in: Jahrbuch für Europäische Verwaltungsgeschichte 17 (2005), S. 297-326.
Generationengerechtigkeit? Normen und Praxis im Erb- und Ehegüterrecht 1500-1850. Eine Einführung, in: Generationengerechtigkeit? Normen und Praxis im Erb- und Ehegüterrecht 1500-1850, hrsg. v. Stefan Brakensiek, Michael Stolleis und Heide Wunder, Berlin 2006, S. 1-21.
Legitimation durch Verfahren? Visitationen, Supplikationen, Berichte und Enquêten im frühmodernen Fürstenstaat, in: Herstellung und Darstellung von Entscheidungen. Verfahren, Verwalten und Verhandeln in der Vormoderne, hrsg. v. Barbara Stollberg-Rilinger und André Krischer, Berlin 2010 (Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 44), S. 363-377.
Verwaltungsgeschichte als Alltagsgeschichte. Zum Finanzgebaren frühneuzeitlicher Amtsträger im Spannungsfeld zwischen Stabsdisziplinierung und Mitunternehmerschaft, in: Herrschaftsverdichtung, Staatsbildung, Bürokratisierung. Verfassungs-, Verwaltungs- und Behördengeschichte der Frühen Neuzeit, hrsg. v. Michael Hochedlinger und Thomas Winkelbauer, Wien / München 2010, S. 271-290.
New Perspectives on State-Building and the Implementation of Rulership in Early Modern European Monarchies, in: Structures on the Move. Technologies of Governance in Transcultural Encounter, hrsg. v. Antje Flüchter und Susan Richter, Heidelberg 2012, S. 31-41.
Supplikation als kommunikative Herrschaftstechnik in zusammengesetzten Monarchien, in: Beiträge zur Rechtsgeschichte Österreichs 5/2 (2015), S. 309-323.
Infrastrukturen des Verkehrs im deutschsprachigen Raum (18. und frühes 19. Jahrhundert). Ein Forschungsüberblick in revisionistischer Perspektive, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 111/4 (2024), S. 461-494.
Herausgeberschaft
Generationengerechtigkeit? Normen und Praxis im Erb- und Ehegüterrecht 1500-1850, hrsg. v. Stefan Brakensiek, Michael Stolleis und Heide Wunder, Berlin 2006 (Zeitschrift für Historische Forschung, Beihefte 37).
Herrschaft und Verwaltung in der Frühen Neuzeit, hrsg. v. Stefan Brakensiek, Corinna von Bredow und Birgit Näther, Berlin 2014 (Historische Forschungen 101).