Hoffbauer – Biographie eines weitgehend Unbekannten
Von Westphalenscher Hof in Herford
(Fotografie spätes 19. Jahrhundert)
© Kommunalarchiv Herford T 20.16
Hier verstarb Peter Friedrich Hoffbauer am 6. Januar 1823.
Die Biographie eines weitgehend unbekannten preußischen Bürokraten in der westfälischen Provinz zu schreiben, was ist daran reizvoll? Peter Friedrich Hoffbauer (1750-1823) ist eine widersprüchliche Figur und genau dadurch typisch für die Epoche des Übergangs von der ständischen Welt zur modernen Gesellschaft.
Der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns aus Bielefeld absolvierte ein Studium des Kameralwesens an der Universität Halle und legte die Staatsprüfung ab, womit er sich für eine Ratsstelle im preußischen Verwaltungsdienst qualifizierte. Zwischen 1787 und 1807 war er an der Kriegs- und Domänenkammer in Minden tätig. Man musste es sich freilich leisten können, für den König von Preußen zu arbeiten, denn eine Besoldung bekam man erst nach vielen Dienstjahren und auch damit war keine standesgemäße Existenz zu führen. Weil seine Brüder früh verstarben, verfügte Hoffbauer seit den 1790er Jahren über ein beträchtliches Erbe, das er in zwei Rittergüter und ein repräsentatives Wohnhaus in Minden investierte. Damit war die Grundlage für eine adelsähnliche Position geschaffen, ohne dass ihm die Nobilitierung gelang. Vom Kaufmannssohn zum Geheimrat, der von seinen Renten lebte, diese Karriere gehörte ganz in die »Alte Welt«.
Trotz dieser sozialen Verankerung in der »Alten Welt« wirkte Hoffbauer eifrig an deren Auflösung mit, denn als ein aufgeklärter preußischer Patriot förderte er gemeinsam mit Gleichgesinnten die Liberalisierung der Eigentumsordnung auf dem Lande. An die Stelle der gemeinschaftlichen Nutzung von Weiden und Wäldern und der feudalen Abhängigkeit der Bauern von ihren Herren sollte ungeteiltes Eigentum am Boden treten. Jeder Landeigentümer sollte künftig wirtschaften können, wie er wollte. Man versprach sich davon eine Freisetzung des unternehmerischen Geistes, die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität und wachsende Steuereinnahmen des preußischen Staates. Mit der Privatisierung der gemeinschaftlich genutzten Heiden, Weiden und Wälder war Hoffbauer in Minden-Ravensberg sehr erfolgreich. Alle Versuche, die Abhängigkeit der Bauern von ihren Herren abzuschaffen, scheiterten dagegen vor 1806 am Widerstand des Adels.
Was macht Hoffbauer zu einem typischen Fall? Die bekannten Reformer wie der Freiherr vom Stein und Hardenberg in Preußen, Montgelas in Bayern oder Reitzenstein in Baden konnten sich auf eine größere Zahl von Männern aus der »zweiten Reihe« verlassen, die als Stichwortgeber und Zuarbeiter ihrer prominenten Vorgesetzten wirkten. Um das Räderwerk der Bürokratie am Laufen zu halten, waren sie unentbehrlich. Diese Biographie dient dazu, die Funktionsweise von Administrationen des sogenannten Reformzeitalters besser zu verstehen.
Zugleich wird am Beispiel von Hoffbauer deutlich, dass Biographien (im doppelten Sinne als gelebtes Leben und als historische Darstellung) keineswegs folgerichtig sind, sondern voller Widersprüche. Wie ging ein preußischer Geheimrat in der westfälischen Provinz, der sich seinem 60. Lebensjahr näherte, mit den plötzlichen Veränderungen um, als die preußische Armee gegen die napoleonischen Truppen im Oktober 1806 so kläglich verlor? Im nordwestlichen Deutschland schuf Napoléon Bonaparte mit dem Königreich Westphalen eine Apanage für seinen jüngsten Bruder Jêrome, das den unerfüllbaren doppelten Auftrag erhielt, Modell für die künftige Entwicklung der Nachbarstaaten in Deutschland zu sein und zugleich der materiellen Versorgung von verdienten Gefolgsleuten des Empereurs zu dienen. Hoffbauer verlor seine amtliche Stellung, scheint sich jedoch arrangiert zu haben. Jedenfalls ließ er sich als Vertreter der Grundbesitzer in den Reichstag des Königreichs Westphalen wählen. Dort erwies er sich als ein unbequemer Abgeordneter, der im Finanzausschuss den Widerstand gegen einige Steuergesetze organisierte, die er und andere Abgeordnete als unseriös empfanden. Den Liberalen des Vormärz galt er deshalb als ein vorbildlicher Parlamentarier.
Was machte es mit Hoffbauer, dass der preußische König auf dem Wiener Kongress mit dem Rheinland und Westfalen große Gebiete im deutschen Westen erhielt, mit denen er politisch nichts anfangen konnte? Im Jahr 1813 war Hoffbauer 63 Jahre alt, strebte kein Staatsamt mehr an, weil er sich entkräftet fühlte. Außerdem hatte er mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, in die er durch eigene Verantwortung und die Zeitumstände geraten war. Dennoch nutzte er seine guten Kontakte zu Ludwig von Vincke, dem Oberpräsidenten der Provinz Westfalen, um die preußische Innenpolitik in seinem Sinne zu beeinflussen. Und nicht zuletzt setzte er sich erfolgreich für seine Neffen ein, damit sie im preußischen Staatsdienst reüssieren konnten.
Bekanntlich sind Biographien eine problematische Gattung. Überwiegend werden historische Gestalten gewählt, deren gesellschaftliche Stellung historische Wirkungsmacht zu verbürgen scheint und deren Prominenz verkaufsfördernd wirkt. Im besten Fall liefert die Darstellung der Lebensumstände einer Person eine plastische Vorstellung von einem bestimmten historischen Milieu: Die Schilderung ihrer Handlungsweisen konturiert ihre Handlungsspielräume, die sie wahrgenommen und genutzt hat. Häufig verraten Biographien jedoch mehr über deren Autor als über die dargestellte Person. Zwar wird jede historische Darstellung von der eingenommenen Perspektive geprägt, bei Biographien kommt jedoch hinzu, dass die literarischen Gattungstraditionen die Folgerichtigkeit eines gelebten Lebens nahelegen. Noch in der rhetorischen Figur des biographischen Bruchs scheint ja die gegenteilige Erwartung auf. Häufig wird von Biographen die völlige Souveränität der dargestellten historischen Person unterstellt, die somit zum Autor ihres Lebens verklärt wird.
Das geplante Buch geht dagegen konsequent von der Überlieferung aus. Da werden Leserinnen und Leser denken, das macht doch jeder seriöse Historiker so. Die Biographie von Peter Friedrich Hoffbauer ist jedoch insoweit anders angelegt als gebräuchlich, als die einzelnen Kapitel jeweils eine Quelle oder eine Quellengattung ins Zentrum stellen, und andere Quellen lediglich zu deren Kontextualisierung nutzen. Dadurch wird besser erkennbar, welche Aussagen durch die einzelnen Sorten der Überlieferung ermöglicht werden, welche Perspektivierungen die Quellen von sich aus nahelegen, und wo die Interpretationen des Historikers beginnen. Mir steht deutlich vor Augen, dass allein schon der Auswahl der Quellen und deren Arrangement Entscheidungen des Autors vorausgehen, was unhintergehbar immer der Fall ist. Leserin oder Leser sollen jedoch in die Lage versetzt werden, die gewählte Perspektive auf Anhieb zu erkennen, ihr mit Freude zu folgen oder sie verärgert infrage zu stellen.