Stefan Brakensiek

Geschichte der Frühen Neuzeit

Geschichte der politischen Kultur

Der Rath

Das Herrlichste Geleit, des Staats, ist Gütigkeit.
Die Sonne strahlt die Bettel-Hütten/gleich hell wie reiche Dächer an:/So muß auch gegen Jederman,/der Hohe, Hülff und Rath aus schütten./Gönnt man Bedrangten kein Gesicht,/so höret Gott auch gleichfals nicht.

Christoff Weigel: Abbildung der Gemein-Nützlichen Haupt=Stände, Regensburg 1698.

© Österreichische Nationalbibliothek Wien MF 6240

Bekanntlich war politisch-soziale Ungleichheit das Kennzeichen der Epoche. Für die politische Kultur in den verschiedenen Teilen Europas war freilich entscheidend, welche Privilegierten die öffentlichen Ämter übernahmen. An der Spitze der meisten Staaten standen Fürsten, die herrschenden Dynastien entstammten. Zwar rückten vielfach Juristen bürgerlichen Standes in einflussreiche Positionen, die Leitungsfunktionen galten jedoch nahezu überall als ein Vorrecht des Adels. Es entstanden Bürokratien, die im Vergleich zu heute jedoch extrem klein blieben. Die entstehenden Staaten stützten sich nämlich vor allem auf kommunale Amtsträger, die ohne formale Ausbildung und meist unzureichend bezahlt den administrativen Alltag vor Ort bewältigten. Durch die Übernahme solcher Gemeindeämter gelangten »einfache« männliche Haushaltsvorstände in Stadt und Land zu Ansehen und örtlichem Einfluss.

Man sieht also, dass die Herrschaft der wenigen auf der Mitwirkung der vielen beruhte. Diese Partizipation unter Ungleichen blieb nicht auf die lokalen Amtsträger beschränkt, sondern erstreckte sich auch auf weitere Untertanen. Um die Kommunikation zwischen Obrigkeiten und Untertanen zu gestalten und um die unteren Amtsträger zu kontrollieren, wurden gezielt Verfahren entwickelt: Visitationen, Berichte, Enquêten und Supplikation bildeten prägende Elemente der politischen Kultur des Ancien Régime. Diese Verfahren eröffneten den Untertanen begrenzte Möglichkeiten des Zugangs zum Fürsten und seinem Herrschaftsapparat und trugen dadurch zu deren Legitimität bei. Diese Partizipation der Untertanen beruhte allerdings nicht auf fest verbrieften Rechten, sondern auf fürstlicher Gnade. Ihre Untersuchung trägt dazu bei, die Funktionsweise der noch jungen Staaten zu verstehen.

Veröffentlichungen

Monographie

Gemeinsam mit András Vári und Judit Pál: Herrschaft an der Grenze. Mikrogeschichte der Macht im östlichen Ungarn im 18. Jahrhundert, Köln / Weimar / Wien 2014.

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Aufsätze

Staatliche Amtsträger und städtische Bürger, in: Bürgertum – Bürgerlichkeit – Bürgerliche Gesellschaft. Eine Bilanz des Bielefelder Sonderforschungsbereichs zur Sozialgeschichte des neuzeitlichen Bürgertums, hrsg. v. Peter Lundgreen, Göttingen 2000, S. 136-170.

Political Judgement between Empirical Experience and Scholarly Tradition – Engelbert Kaempfer’s Report on Persia (1684-85), in: Exploring Alterity in Pre-modern Societies, hrsg. v. Monica Juneja, Special Issue of The Medieval History Journal 5/2 (2002), S. 223-246.

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Politische Urteilsbildung zwischen Empirie und Tradition. Der Persien-Bericht des Engelbert Kämpfer 1684/85, in: Engelbert Kaempfer (1651-1716) und die kulturelle Begegnung zwischen Europa und Asien, hrsg. v. Sabine Klocke-Daffa, Jürgen Scheffler und Gisela Wilbertz, Lemgo 2003, S. 93-124.

Welche Erfahrungen begründen eine Generation? Prosopographische Befunde aus der Übergangszeit vom Ancien Régime zum 19. Jahrhundert, in: Generationswechsel und historischer Wandel, hrsg. v. Gundula Grebner und Andreas Schulz (Beiheft der Historischen Zeitschrift 36), München 2003, S. 43-55.

Die Reichsstände des Königreichs Westphalen, in: Westfälische Forschungen 53 (2003), S. 215-240.

Herrschaftschaftsvermittlung im alten Europa. Praktiken lokaler Justiz, Politik und Verwaltung im internationalen Vergleich, in: Ergebene Diener ihrer Herren? Herrschaftsvermittlung im alten Europa, hrsg. v. Stefan Brakensiek und Heide Wunder, Köln / Weimar / Wien 2005, S. 1-21.

Rekrutierung lokaler Herrschaftsvermittler unter wechselnden Vorzeichen: Die böhmische Herrschaft Neuhaus, das ungarische Komitat Szatmár und die Landgrafschaft Hessen-Kassel im Vergleich, in: ebenda, S. 97-122.

Fonctionnaires d’État et bourgeoisie urbaine en Allemagne, in: Histoire, Économie et Société. Époques moderne et contemporaine 2 (2005), S. 253-278.

Lokale Amtsträger in deutschen Territorien der Frühen Neuzeit. Institutionelle Grundlagen, akzeptanzorientierte Herrschaftspraxis und obrigkeitliche Identität, in: Staatsbildung als kultureller Prozess. Strukturwandel und Legitimation von Herrschaft in der Frühen Neuzeit, hrsg. v. Ronald G. Asch und Dagmar Freist, Köln / Weimar / Wien 2005, S. 49-67.

Peut-on parler d’absolutisme dans l’Allemagne moderne? Une domination désireuse d’être acceptée (Akzeptanzorientierte Herrschaft), in: Bulletin d’information de la Mission Historique Française en Allemagne 42 (2006), S. 249-263.

Strukturen eines anti-napoleonischen Aufstands – Grebenstein 1813, in: Krieg und Umbruch in Mitteleuropa um 1800. Erfahrungsgeschichte(n) auf dem Weg in eine neue Zeit, hrsg. v. Ute Planert, Paderborn 2009, S. 45-61.

Communication between Authorities and Subjects in Bohemia, Hungary and the Holy German Empire, 1650-1800: A Comparison of Three Case Studies, in: Empowering Interactions. Political Cultures and the Emergence of the State in Europe 1300-1900, hrsg. v. Wim Blockmans, André Holenstein und Jon Mathieu, Aldershot 2009, S. 149-162.

Akzeptanzorientierte Herrschaft. Überlegungen zur politischen Kultur der Frühen Neuzeit, in: Die Frühe Neuzeit als Epoche, hrsg. v. Helmut Neuhaus (Beiheft der Historischen Zeitschrift 49), München 2009, S. 395-406.

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Überlegungen zu den lebensweltlichen Gemeinsamkeiten zwischen christlicher Mehrheit und jüdischer Minderheit in der Frühen Neuzeit, in: Pars pro toto. Historische Miniaturen zum 75. Geburtstag von Heide Wunder, hrsg. v. Alexander Jendorff und Andrea Pühringer, Neustadt an der Aisch 2014, S. 99-111.

Gesellschaftsvergleich in frühneuzeitlichen Reiseberichten. Persien um 1700, in: Rang oder Ranking? Dynamiken und Grenzen des Vergleichs in der Vormoderne, hrsg. v. Franz Arlinghaus und Peter Schuster (Konflikte und Kultur 38), Konstanz 2020, S. 37-49.

Verfolgung oder Duldung? Vom Umgang mit religiös-konfessioneller Diversität zwischen Reformation und Revolution, in: Inklusive Geschichte? Kulturelle Begegnung – Soziale Ungleichheit – Inklusion in Geschichte und Gegenwart, hrsg. v. Markus Bernhardt, Frankfurt am Main 2021, S. 149-175.

Herausgeberschaft

Ergebene Diener ihrer Herren? Herrschaftsvermittlung im alten Europa, hrsg. v. Stefan Brakensiek und Heide Wunder, Köln/Weimar/Wien 2005.

Politische Repräsentation ländlicher Bevölkerungen in der Vormoderne, hrsg. v. Stefan Brakensiek und Niels Grüne (Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 71/2, 2023).